Sonntag, 24. September 2017

Das iPhone und ich

Menschen und Internet werden eins, dank des iPhones von Apple. 
Die ersten vier Wochen mit dem neuen Wundergerät Kommunikation

von Jürgen von Rutenberg (die ZEIT)

Ende Juli trat das iPhone 3G in mein Leben. Seitdem habe ich es geliebt und gehasst, es
waren heftige Flitterwochen. Und damit sind wir auch schon bei einer der auffälligsten
Eigenschaften des vielseitigen Wunderhandys der Firma Apple: Unweigerlich landet man
in seiner Beschreibung bei menschlichen Eigenschaften. Nach dem ersten Einschalten
strahlt mich der berührungsempfindliche Bildschirm an: Tja, “berührungsempfindlich” –
sind wir das nicht alle? Mensch und iPhone verstehen sich auf Anhieb, alles Trennende ist
verschwunden, man tippt nur sanft ein paar bunte, runde Bildchen an, allesamt genau
richtig geformt für unser Fingerspitzengefühl. Intuitiv, ohne jede Bedienungsanleitung,
tastet man sich voran, schiebt zärtlich Programme, Bilder, Namen und Nummern über den 
Bildschirm.

Die Bedienung des iPhones: ein einziges Streicheln und Liebkosen. Und da sich das ganze
Miteinander auf diesem empfindsamen Bildschirm abspielt, verwandelt jedes Programm
das iPhone in eine völlig andere Gestalt. Keine gleicht der anderen, alle sind die reine
Freude. Alle Möglichkeiten wollen ausprobiert werden, und so dauerte der Rausch des
ersten Kennenlernens etliche Tage und Nächte, es war die Zeit der ungetrübten iPhorie.

Erst nach und nach wurde mir klar, dass sich hinter dem attraktiven Äußeren, hinter dieser
verblüffenden Unkompliziertheit existenzielle Abgründe auftaten. Wir waren schon eine
Woche zusammen, da sah ich eines Abends mein iPhone schwarz glänzend vor mir auf
dem Schreibtisch liegen, ganz still. Und ich ahnte: Dieses raffinierte Ding krempelt noch
mein ganzes Leben um.

Ein frühes Warnsignal: Ich verspürte den Wunsch, meiner geliebten Iphonia zuliebe meine
Wohnung umzuräumen, alles zu entrümpeln, was nicht nach Moderne, Minimalismus,
Apple aussah. Alles sollte Iphonias Makellosigkeit widerspiegeln. “Hallo?”, hörte ich
gerade noch rechtzeitig eine innere Stimme sagen. “Du willst dein Zuhause einem Telefon
weihen?” Und nahm Abstand von dem Vorhaben. Stattdessen packte ich das glänzende,
aber fragile Ding in eine robuste Schutzhülle, einem Autoreifen nicht unähnlich. Von nun
an musste ich mir keine Sorgen mehr machen um Kratzer, Fingerabdrücke, Staubkörner.
Und in ihrer neuen Arbeitsmontur wirkte Iphonia mehr wie das, was sie doch eigentlich
sein sollte: ein Werkzeug. So begann ein neuer Abschnitt unserer Beziehung. Aber die
Psychospiele gingen erst richtig los.

Nüchtern betrachtet ist das iPhone ein handflächengroßer Bildschirm, hinter dem sich ein
Apple-Computer verbirgt, mit dem man unter anderem auch telefonieren kann. “3G” steht
für “dritte Generation”, damit ist vor allem das schnelle Mobilfunknetz UMTS gemeint.
Neben diesem (meistens) rasanten Internetzugang ist das entscheidend Neue am neuen
iPhone das satellitengestützte Ortungssystem GPS (Global Positioning System). Mit dessen
Hilfe navigierten bisher vor allem Autofahrer, Piloten und Kapitäne. Nun navigieren wir so
auch zu Fuß.

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Quelle: zeit.de