Sonntag, 24. September 2017

Steve Jobs

Ein big Mac fürs Leben

von Michael Bischoff

Das Schicksal würfelte nicht gut für Steve Jobs. Wie der Apple-Mann dennoch reich
und gesund wurde, erzählte er jetzt Studenten.

Es ist mir eine Ehre, heute bei Ihnen auf der Abschlussfeier einer der besten Universitäten der
Welt sprechen zu dürfen. Ich habe keinen College-Abschluss. Um die Wahrheit zu sagen, ich
war einem College-Abschluss noch nie so nahe wie heute auf dieser Feier. Ich möchte Ihnen
drei Geschichten aus meinem Leben erzählen. Nur drei Geschichten.
Die erste Geschichte handelt von der Verbindung der Punkte. Ich verliess das Reed College
schon nach den ersten sechs Monaten, blieb aber in der Gegend und besuchte die Schule
 weitere 18 Monate eher sporadisch, bevor ich sie endgültig verliess.

Warum tat ich das? 
Die Geschichte begann schon vor meiner Geburt. Meine biologische Mutter war eine junge,
unverheiratete College-Absolventin. Deshalb beschloss sie, mich zur Adoption freizugeben.
Sie war entschieden der Ansicht, ich sollte von Leuten adoptiert werden, die einen College-
Abschluss besassen, und so traf man alle Vorbereitungen, damit ich bei meiner Geburt von
einem Rechtsanwalt und seiner Frau adoptiert wurde. Doch in letzter Minute fiel ihnen ein,
dass sie doch lieber ein Mädchen wollten. So kam es, dass meine Eltern, die auf einer
Warteliste standen, mitten in der Nacht einen Anruf erhielten. Man sagte ihnen: «Wir haben
 hier ganz unerwartet einen neugeborenen Jungen. Wollen Sie ihn haben?» Meine Eltern 
antworteten: «Natürlich.» Später erfuhr meine biologische Mutter, dass meine Mutter keinen 
College- und mein Vater nicht einmal einen Highschool-Abschluss hatte. Darum weigerte sie 
sich, die Adoptionsunterlagen zu unterzeichnen. Erst einige Monate später willigte sie ein,
nachdem meine Eltern ihr versprochen hatten, dass ich eines Tages das College besuchen
würde.
 Und siebzehn Jahre später ging ich tatsächlich aufs College. Doch in meiner Naivität wählte 
ich eines, das fast so teuer war wie Stanford, so dass meine Ausbildung die gesamten
Ersparnisse meiner aus der Arbeiterschicht stammenden Eltern verschlang. Nach sechs
Monaten erkannte ich, welchen Wert das hatte. Ich hatte keine Idee, was ich mit meinem 
Leben anfangen wollte, und keine Idee, wie das College mir helfen konnte, das
herauszufinden. Und dafür gab ich das gesamte Geld aus, das meine Eltern in ihrem ganzen
Leben angespart hatten. Darum beschloss ich, das College zu verlassen, und vertraute darauf,
dass sich schon alles finden werde. Im Rückblick war es eine der besten Entscheidungen, die
ich jemals getroffen habe. Denn nach meinem Abgang wählte ich nur noch solche Kurse, die
mir interessant erschienen.
 Das war keineswegs romantisch. Ich hatte kein Zimmer im Wohnheim und schlief deshalb im
 Zimmer eines Freundes auf dem Boden. Ich sammelte Colaflaschen, um mir von den 5 Cent
Pfand Lebensmittel zu kaufen. Und jeden Sonntagabend ging ich zu Fuss zehn Kilometer quer
durch die Stadt, um im Hare-Krishna-Tempel wenigstens eine gute Mahlzeit in der Woche zu
erhalten. Viele Dinge, auf die ich stiess, weil ich meiner Neugier und meiner Intuition folgte,
erwiesen sich später als unbezahlbar.
Das Reed College bot damals die im ganzen Land wohl beste Einführung in die Kalligrafie an. Auf dem gesamten Campus waren alle Plakate und die Aufschriften auf jeder Schublade
wunderschön von Hand kalligrafiert. Da ich abgegangen war und nicht die normalen Kurse
belegen musste, beschloss ich, den Kalligrafiekurs zu besuchen und zu lernen, wie man das
macht. Ich lernte, welche Schriftarten es gibt, wie die Abstände zwischen den verschiedenen
Buchstabenkombinationen zu wählen sind und was gute Typografie ausmacht. Es war eine
wunderschöne, historisch gewachsene und künstlerisch subtile Arbeit, die sich
 wissenschaftlich gar nicht fassen lässt und die mich faszinierte.

Es war nicht zu erwarten, dass diese Dinge irgendwann einmal in meinem Leben praktische 
Bedeutung erlangen könnten. Doch als wir zehn Jahre später den ersten Macintosh-Computer
entwarfen, kam mir all das wieder in den Sinn. Und die ganze Erfahrung floss in den Mac ein.
Der Macintosh war der erste Computer mit einer schönen Typografie. Hätte ich auf dem
College nicht diesen Kurs besucht, wäre der Mac nie mit mehreren Schriftarten oder
proportionalen Abständen zwischen den Buchstaben ausgestattet worden. Und da Windows
 den Mac einfach kopierte, hätte wahrscheinlich bis heute kein Personalcomputer solche
 Schriften. Hätte ich das College nicht verlassen, wäre ich nicht auf die wunderbare Typografie
gestossen, die unsere Computer heute auszeichnet. Natürlich war es während der Zeit am
College unmöglich, die Punkte im Blick auf die Zukunft miteinander zu verbinden. Aber im 
Rückblick zehn Jahre später war das alles sehr klar.
 Sie können die Punkte nicht in der Vorausschau, wohl aber im Rückblick verbinden. Also
 müssen Sie darauf vertrauen, dass die Punkte sich irgendwann in Ihrer Zukunft verbinden. Sie 
müssen auf irgend etwas vertrauen – auf Ihren Bauch, das Schicksal, das Leben, das Karma
oder sonst etwas. Dieses Vorgehen hat mein Leben entscheidend beeinflusst.
Meine zweite Geschichte handelt von Liebe und Verlust. Ich war erfolgreich. Schon früh in
meinem Leben hatte ich herausgefunden, was mir Spass machte. Als ich zwanzig war,
gründeten Woz und ich in der Garage meiner Eltern Apple.

Wir arbeiteten hart, und innerhalb
von zehn Jahren wurde aus unserer Garagenfirma ein Grossunternehmen mit zwei Milliarden
Dollar Umsatz und über 4000 Angestellten. Wir hatten gerade unsere schönste Schöpfung,
den Macintosh, vorgestellt, und ich war gerade dreissig geworden. Da wurde ich entlassen.
Wie kann jemand von einer Firma entlassen werden, die er selbst gegründet hat? Nun, als
Apple grösser wurde, stellte ich jemanden ein, von dem ich glaubte, er besitze die nötigen
Fähigkeiten, um das Unternehmen gemeinsam mit mir zu führen. Doch mit der Zeit
entwickelten wir unterschiedliche Visionen, und es kam zum Bruch. In dieser Situation stellte
der Aufsichtsrat sich auf seine Seite.
Ein paar Monate lang wusste ich wirklich nicht, wie es weitergehen sollte. Ich hatte das
Gefühl, gegenüber der vorangegangenen Unternehmergeneration versagt zu haben – ich hätte
den Stab fallen lassen, den sie an mich weitergegeben hatten. Es war ein sehr öffentliches
Scheitern gewesen, und ich dachte sogar daran, aus dem Silicon Valley zu flüchten. Aber
dann dämmerte mir etwas. Ich liebte meine Arbeit immer noch. Und so beschloss ich, von
vorn anzufangen.
Damals sah ich es noch nicht, aber bald zeigte sich, dass mir gar nichts Besseres hätte
passieren können als der Rauswurf bei Apple. An die Stelle der Schwere des Erfolgs trat die
Leichtigkeit des Neuanfangs. Die Dinge schienen nicht mehr so festgefügt. Ich war frei für
den Beginn einer der kreativsten Phasen meines Lebens.
Innerhalb der nächsten fünf Jahre baute ich eine Firma namens NeXT und eine weitere
namens Pixar auf und verliebte mich in eine wunderbare Frau, die später meine Ehefrau wurde.

Pixar schuf den ersten computeranimierten Spielfilm der Welt, «Toy Story», und ist 
heute das erfolgreichste Trickfilmstudio der Welt. In einer bemerkenswerten Wendung der
Ereignisse kaufte Apple später dann NeXt, und ich kehrte zu Apple zurück. Die von NeXT
entwickelte Technologie steht im Mittelpunkt der gegenwärtigen Renaissance von Apple. Und
 gemeinsam mit Laurene habe ich eine wunderbare Familie.

Manchmal wirft das Leben Ihnen einen Ziegelstein an den Kopf. Verlieren Sie nicht die 
Zuversicht! Ich bin mir sicher, das Einzige, was mich damals aufrechterhielt, war die Liebe zu
meiner Arbeit. Sie müssen herausfinden, was Sie lieben. Das gilt für die Arbeit ebenso wie für
geliebte Menschen. Die Arbeit wird einen grossen Teil Ihres Lebens einnehmen, und Sie
werden nur gute Arbeit leisten können, wenn Sie ihre Arbeit lieben. Also suchen Sie, bis Sie
finden! Lassen Sie nie nach!
Meine dritte Geschichte handelt vom Tod. Mit siebzehn Jahren las ich einen Spruch, der etwa 
folgendermassen lautete: «Wenn du jeden Tag so lebst, als wäre es dein letzter, wirst du ganz
sicher eines Tages recht haben.» So schaue ich nun seit dreiunddreissig Jahren jeden Morgen
in den Spiegel und frage mich: «Wenn heute der letzte Tag meines Lebens wäre, würde ich
dann tun, was ich mir für heute vorgenommen habe?» Und wenn die Antwort allzu oft
hintereinander Nein lautet, weiss ich, dass ich etwas ändern muss. 
An den möglicherweise nahen Tod zu denken, ist nach meiner Erfahrung das stärkste 
Hilfsmittel, wenn es darum geht, wichtige Lebensentscheidungen zu treffen. Weil nahezu
alles, alle äussere Erwartung, aller Stolz, alle Angst vor Schwierigkeiten oder Scheitern,
angesichts des Todes von einem abfallen, so dass nur das wirklich Wichtige bleibt. Wir sind 
immer nackt. Es gibt keinen Grund, nicht der Stimme des Herzens zu folgen.

Vor gut einem Jahr wurde bei mir Krebs festgestellt. Die Ärzte sagten mir, es handle sich mit
grösster Wahrscheinlichkeit um einen unbehandelbaren Krebs. Ich solle mich darauf
einstellen, nur noch drei bis sechs Monate zu leben. Ich lebte den ganzen Tag mit dieser 
Diagnose. Gegen Abend wurde eine Biopsie durchgeführt. Man hatte mich sediert, aber meine
 Frau, die dabei war, erzählte mir, die Ärzte hätte Tränen in den Augen gehabt, als sie unter
dem Mikroskop erkannten, dass es sich um eine sehr seltene Form von 
Bauchspeicheldrüsenkrebs handelte, die operiert werden kann. Die Operation wurde 
durchgeführt, und jetzt bin ich wieder gesund.
Der Tod ist unser aller Schicksal. Und das ist gut so, denn der Tod ist wahrscheinlich eine der
 besten Erfindungen des Lebens. Er sorgt für die Veränderung des Lebens. Ihre Zeit ist
begrenzt! Vergeuden Sie nicht Ihre Zeit damit, dass Sie das Leben eines anderen leben.
 Lassen Sie sich nicht von Dogmen einengen. Dogmen sind das Ergebnis des Denkens anderer
Menschen. Lassen Sie nicht zu, dass der Lärm fremder Meinungen Ihre eigene innere Stimme
übertönt. Und vor allem haben Sie Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen.
In meiner Jugend gab es eine wunderbare Publikation mit dem Titel «The Whole Earth
Catalog», die zu den Bibeln meiner Generation gehörte. Herausgeber war Stewart Brand, der
dem Unternehmen mit seiner poetischen Ader Leben einhauchte. Es war gewissermassen
 Google in Buchform, 35 Jahre vor der Entstehung von Google – ein idealistisches
Unternehmen voller grosser Ideen und nützlicher Hilfsmittel. Stewart und sein Team brachten
mehrere Ausgaben des Whole Earth Catalog heraus, und als die Zeit gekommen war, Mitte
der Siebziger, stellten sie das Unternehmen ein. Auf dem Rückenumschlag der letzten
Ausgabe befand sich die Fotografie einer Landstrasse am frühen Morgen, darunter standen die
Worte: «Bleibt hungrig! Bleibt verrückt!» Genau das habe ich mir immer für mich selbst gewünscht. Und nun, nach Ihrem College-Abschluss, wünsche ich Ihnen genau dasselbe.

Bleiben Sie hungrig! Bleiben Sie verrückt!
 Aus dem Englischen von Michael Bischoff
Steve Jobs, CEO von Apple Computer und der Pixar Animation Studios, hielt diese
Ansprache am 12. Juni 2005 auf einer Abschlussfeier an der Stanford University.

(c) 2005 by Die Weltwoche, Zürich


Quelle: weltwoche.ch